Jubiläum 75 Jahre Schauspielausbildung Zürich

Liebe Gäste, liebe Freunde und Liebhaber,

Willkommen zu diesem Fest.

75 Jahre sind in etwa ein Lebensalter. Da wird in der Regel die Zeit kurz, um noch zu leisten, was geleistet werden will. Und unwillkürlich wendet sich der Blick in die plötzlich so kurz zurückliegende Vergangenheit. Das ist die Perspektive des Lebensalters.

 Die Perspektive einer Institution, denn das ist die Theaterausbildung im Laufe dieser Jahre geworden und als diese zeigt sie sich heute, ist eine andere.

 Wie sieht die Institution ihre Lebenszeit, wie bewertet sie sie, was tut sie an einem solchen Geburtstag?

 Die Schauspielausbildung ist zu einer Theaterausbildung geworden, dann zu einer Ausbildung im Rahmen der darstellenden Künste. Ist es das, was die Institution denkt: Was ist aus mir geworden, ich war doch einmal so scharf umrissen, ich wusste doch einmal, wer und was ich bin, ich war so klein, dass ich wissen konnte wer ich bin.

 Oder lässt sich dieser harte Kern “Schauspiel” einfach weitertreiben auf dem unruhigen Meer, das sie inzwischen umgibt und das “die Künste” heisst, darstellende Künste, Forschung in den Künsten, Kunstvermittlung ?

 Anders: Die Vergangenheit, die aus der Idee und den Leidenschaften eine Institution gemacht hat, ist die komprimierte Wunschenergie und eben die Leidenschaft von Menschen.  Da eine Institution die Menschen ist, die sie am Leben erhalten und ihren Zweck tagtäglich hervorbringen, diesen schützen und pflegen, da diese Institution heute Geburtstag feiert, seien die Personen, die sich über Jahrzehnte hinweg schützend und rettend auch für sie eingesetzte haben, stellvertretend für die Heerscharen, die sie lebendig erhalten haben und erhalten, beglückwünscht: Verena Schilling, Monika Mahrer, Ursula Rellstab, Vreni Müller Hemmi, Myriam Ziegler, Markus Müller, Ernst Hiestand, Hansueli Beusch und Peter Uhlmann, last but not least Ralph Müller, der nachher noch Gelegenheit haben wird über seine sehr langdauernde Liaison mit der  Theaterausbildung, die einmal eine Schauspielausbildung war, zu sprechen. Er hat einen sicherlich nicht unwesentlichen Teil seines Lebens der Aufgabe gewidmet:   junge Menschen zu bilden und auszubilden überhaupt, Schauspielerinnen und Schauspielern im besonderen

Wir haben uns entschlossen, dies Jubiläum nicht nur dem berechtigten, auch stolzen  Blick zurück zu widmen, sondern nach vorn zu schauen, denn uns muss brennend interessieren, wie das weitergeht mit dem Theater und dem Schauspiel, dem nur noch ein Teilbereich des Theaters geblieben ist.

 Das Schauspielen ist längst nicht mehr das, was es im Laufe der vergangenen 75 Jahre war. Und es ist nicht mehr das, was es war, als die ersten institutionellen Versuche lanciert wurden, diesen Beruf auszubilden, eine Systematik zu entwickeln für die ungezügelten Leidenschaften, von denen das Spiel wohl vor seiner Institutionalisierung gesprägt war.

 Heute : Eine grosse Unsicherheit ist eingekehrt in diese künstlerische Praxis, Experten, soziale Randgruppen Exoten und Exotismen halten Einzug auf dem Terrain, das jahrzehntelang wie selbstverständlich dem Sprechtheater zustand. Ablehnung und Unterminierung der schauspielerischen/darstellerischen, also Repräsentations – Mittel, Infragestellung des Verkörperns, der Anmassung, andere als die eigenen Erfahrungen glaubhaft wiedergeben zu können (oder zu müssen), Perforation der Ränder des Theaters, Auflösung von Ensemblestrukturen, Bewegungslosigkeit aus Angst vor dem Verlust von Arbeits –  und Verdienstmöglichkeiten  sind Themen die uns beschäftigen, wenn wir die grosse Zahl von Bewerbungen für diese Ausbildung Jahr für Jahr neu bearbeiten.

Was sind die Forderungen der Zukunft:    … auch in der Schauspielausbildung geht es um eine Verwicklung mit der Welt und es geht viel weniger um einen irgendwie ausformulierten Begriff einer Methode  . Der Schauspieler heute muss die Darstellungsweise einer Rolle immer wieder neu erfinden. …wir müssen Schauspieler heute in die Lage versetzen auch ihre soziokulturelle Verantwortung im öffentlichen Raunm wahrzunehmen

 Vielleicht geht es aber auch garnicht um die Definition der zukünftigen Rolle des Schauspiels.

Vielleicht ist die Zukunft in der absoluten Gegenwart des Spiels begründet, in der Lust der Neuerfindung des spielenden Subjekts, im stellvertretenden Verwandlungsvorgang. Man kann das Spielen ja auch als immerwährende und immer wieder neu an dem Erfahrungsgehalt einer Zeit zu messende Tätigkeit begreifen. Dass Figuren aus der Literatur sich in jedwede Zeit hineinstrecken wäre ein Zeichen für die Wahrheit dieser Aussage:

 Hamlet zum Beispiel, lässt sich als Paradigma des schauspielenden Menschen begreifen; er erlebt sich –  spielend – als das einzig reale Wesen in einer durch und durch theatralen theaterhaften Welt. Etwa zehn Jahre seines Lebens finden in der komprimierten Zeit einer Theateraufführung statt.  Dabei betreibt er eine eklatante Revision seines Ichs, wenn er aus England zurückkehrt, und nicht nur weil er zum Mörder geworden ist statt zum Gemordeten. Er hat aus Erfahrungen heraus den Eindruck, dass eine andere Epoche seines Lebens begonnen hat. Hegel nennt Hamlet  einen freien Künstler seiner selbst:  Ein Abbild des Schauspielers, der in der Lage ist, die Wahl zu treffen, wer er sein will;  und in der Lage ist, diese Wahl zu revidieren. Diese Freiheit, diesen Mut auszubilden, wäre der Kern der Entwicklungsziele, die man für die Ausbildung dieses Tuns entwerfen kann.

 Vielleicht ist dies auch schon alles, was es zu sagen gibt über die Notwendigkeit des spielerischen Aneignens der Ungeheuerlichkeiten, denen wir begegnen – in uns und um uns herum in jenen, denen wir begegnen: wir wollen dadurch Heilung von dem Schmerz, Unbekanntes vor uns liegen zu haben, einsam zu sein, mit den Ängsten leben zu müssen und dem Schrecken davor, dass das Stück irgendwann zu Ende ist.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s