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Ausbildung/ Regieführen

Wenn ich über die Ausbildung „Regie“ spreche, bedeutet das m.E. über Regieführen/Inszenieren sprechen zu müssen. Erster Ausgangspunkt ist die These, dass die Ausbildung zur Regisseurin_zum Regisseur das, was im Akt des Inszenierens selbst nicht thematisiert wird, thematisieren, erkennen und systematisieren muss. Die Ausbildung definiert den Gegenstand. der ausgebildet wird, genauer und systematischer als es die Tätitgkeit, die ausgebildet wird selbst tut.

  Die Chance eines Diskurses über die Ausbildung ist die Chance, unbewusst und unreflektiert stattfindende Prozesse, die das Regie-Führen/ das Inszenieren begleiten/ ausmachen, bewusst zu machen und zu systematisieren.

 Damit soll selbstverständlich nicht behauptet werden, dass Inszenieren in der Regel unreflektiertes Handeln ist, die Tätigkeit selbst aber unterliegt doch zumindest einem hohen Grad von Mystifizierung durch die Aktivist_innen selbst, eine Behauptung , die aus Äusserungen von Regisseur_innen über ihre Tätigkeit unschwer abzuleiten wäre. Hinzukommt, dass der Prozess des Inszenierens Unwägbarkeiten wie kaum eine andere Tätigkeit unterliegt. Das gilt zwar auch für andere Formen künstlerischer Praxis,  beim Inszenieren für das Theater kommt jedoch hinzu, dass es sich um einen Prozess in einem hochgradig von sozialen Energien, Zusammenhängen und Triebkräften bestimmten Feld handelt.

Das Soziale    Dieser soziale Aspekt der Tätigkeit des Regieführens verweist unmittelbar auf die Umwelt der Tätigkeit. Unter Umwelt sind verschiedene Stufen sozialer Abhängigkeiten zu verstehen: Die Handlungsträger des Inszenierungsvorgangs sind soziale Wesen, die ihre Sozialität in den Prozess des künstlerischen Formens einer zu inszenierenden Realität einbringen. Diese Sozialität ist die Umwelt der Handlungsträger und  Kern des künstlerischen Handelns, insofern als in dessen Verfahren und Praktiken soziale Zusammenhänge Bedingung sind. Die Sozialität ist in ihrer Bedeutung gleichzusetzen mit all den ästhetischen Entscheidungen, die in den künstlerischen Produktionsprozess eingehen und in ihm getroffen werden. Das Soziale ist also Basis und  Material der künstlerischen Arbeit. Die Inszenierungstätigkeit wird zu einem Musterbeispiel für das Zusammenwirken ästhetischer, disziplinärer Entscheidungen mit  sozialen Bedingtheiten und Voraussetzungen.

Im Falle des Theaters ist von einer nicht-autonomen Kunst zu sprechen.

  Ästhetisches Handeln            Regieführen heisst:  ein Thema einen Text einen Gegenstand im Spiel und Agieren von Handlungsträgern, die aus sozialen politischen ästhetisch motivierten Handlungsimpulsen heraus tätig sind,  sichtbar zu machen. Ebenso heisst es:  das Erfinden und Stiften von sozialen Zusammenhängen, Mikrokosmen der Verzweiflung an der Welt, so wie sie ist.

Dieser Überschneidungsbereich zwischen gegebener sozialer Realität und den durch diese kontaminierten Subjekte, die in einem Rekreationsprozess eine zweite Realität zu schaffen versuchen, ist von besonderem Interesse, beinhaltet er doch ein hohes Potential von Auskunftfähigkeit über die Transformationsprozesse von Realität, auch weil diese im wesentlichen sprachlich und sprachlich explizierbar sind. Das Inszenieren setzt dieses Potential in Bewegung. In der Regel wird der Inszenierungsvorgang retrospektiv vom Ergebnis: der Inszenierung aus beschrieben. Oder er wird anekdotisch auf bestimmte Formen der Beziehungsarbeit zwischen innerhalb ihrer agierenden Menschen reduziert: X zerstritt sich mit Y, A verliebte sich in B, C hatte Attacken von tiefster Verzweiflung, D hatte Schwierigkeiten, sich den Text zu merken, E fand keine Sprache mit X, etc. Viel interessanter wäre, den Vorgang, des In-Szene-Setzens (Aufführung), des Spielens (Aktion), der Formfindung (Stil), der Formvorgabe (Konzept), etc. abstrakt und ohne die Sehnsucht, Teil anekdotischer Mytenbildung zu sein / zu werden, zu untersuchen. Text, Thema, Akteure, Bild, Raum, Kostüme, Maske, Licht, Ton, die gesamte Administration (Probenplanung), Werbung (Kontakt mit und Vermittlung an die Aussenwelt) , Dramaturgie (Steuerung interner und externer Strukturen und Inhalte/Controlling)) sind einige der Bereiche, die beim Inszenieren in Bewegung gesetzt und zum Zusammenwirken gebracht werden müssen/ sollen.

Das Unternehmen   Der Prozess dieses In-Bewegung-Setzens lässt  ein Werk entstehen. Die Form dieses Entstehungsprozesses ist die Form eines Unternehmens, das ein Produkt herstellt. Das Unternehmen selbst ist hierbei das Produkt (das „Theater“) , eine zweite Realität neben/ zusammen mit der Realität. Unter unternehmerischer Perspektive entstehen neue Anforderungen an die Tätigkeit des Inszenierens, ebenso wie an die Betrachtung des Inszenierungsprozesses.

 Handlungsfelder         Was geschieht  : Führen (der Begriff des Führens), Anleiten (der Begriff des Anleitens), Arrangements ( der Begriff des Arrangierens), Gestaltung (der Begriff des Gestaltens), Komposition (der Begriff des Komponierens), Inszenieren (der Begriff des Inszenierens)  und sie jeweiligen Bezugspunkte: Geführte/ Angeleitete/ Arrangierte/ Gestaltete/ Komponierte/ Inszenierte: inwiefern sind diese Teil des Unternehmens?

 Regie Führen Theater            Thema wird sein, die hybriden Felder, die mit dem Thema „Regie“ „Führen“ „Theater“ gemeint sind, zu untersuchen: Dirk Baecker buchstabiert ein „kleines und  großes dramaturgisches Alphabet“ (Theater im System der Kunst). Das sind Fragen, die an einer Tagung über Regie, die sich selbst so (fragend) versteht, wie gerade ausgeführt/ skizziert, gestellt werden sollen. Indem diese Fragen gestellt werden, zeichnet sich das besondere, ausserordentliche Feld dessen, was unter „Inszenieren“ am Theater zu verstehen ist, ab: Wie kommt eine soziale Beziehung zustande?  Was hält sie aus? Was hält sie nicht aus?  Wie sichert sie sich ab gegen ihre Auflösung in die Unbestimmtheit ihrer Umgebung? Mithilfe welcher Techniken und Mechanismen grenzt sie sich ab?  Wie schafft sie es, ihre Umgebung in eine Ressource zu verwandeln, aus der sie immer wieder neue Kräfte schöpft?  Wie motiviert sie zur Teilhabe?  Was macht sie aus den Individuen, die teilnehmen?  Wie halten die Individuen aus, was die Situation aus ihnen macht? Und ab wann reicht ihre Kraft genau dazu nicht mehr aus? Was geht verloren, wenn eine Beziehung verloren geht? Wie ist eine Krise strukturiert? Gibt es Möglichkeiten der Früherkennung fataler Entwicklungen? Wie kann man dann noch aufhalten – und wie kann man nachhelfen? Wie verwandelt man eine Situation in eine andere? Und das Alphabet Dirk Baeckers erweiternd: Wie vollzieht sich eine Verwandlung?  Wie arrangiert die Regie die Probe aufs Exempel der sozialen Tauglichkeit? Wie mobilisiert Regie Neugier und die Urteilskraft, sich anzuschauen, anzuhören und auszuhalten, was auf der Bühne passiert.  Wie beobachtet die Regie? Wie nimmt sie ihre Rolle als Beobachter erster Ordnung wahr? Was ist die „grosse kommunikative Geste“ der Regie? Wie wird die Beobachtung der Regie beobachtet? Wie bewusst lassen sich diese Folgen von Beobachtung inszenieren? , etc.

 Ästhethisch-didaktisches Netz         Wie nun können Didaktik und Ästhetik, die in den Prozess der Ausbildung hineinspielen, auseinandergehalten werden?

Die Frage des Lehrens eines Prozesses, der die wesentlichen Bestandteile der Tätigkeit selbst zumindest in strukturierter Form nicht thematisieren kann ( unerwartete Spannungsverhältnisse zwischen den Akteuren, Konflikte, fehlerhafte Kommunikation nach Innen und nach Aussen (wie soll das Unbekannte, das entsteht, hinreichend nach Aussen vermittelt werden? (Werbung)),  biopolitische Ungleichgewichte (Krankheit, Schwäche, unplanbare Veränderungen der Umwelt), berührt die Frage der Tätigkeit selbst: wie lassen sich emotional – soziale Zusammenhänge herstellen, die kühl beurteilt und bewertet werden könnten? Wie lässt sich das Potential in den Psychen der Akteure (Handelnde und Wahrnehmende) so steuern, dass ein funktionierender, den Intentionen der Regisseurin_ des Regisseurs entsprechender Fluss von jenseits der Worte, jenseits der Aussage pulsierenden Kontakten stattfindet., etc.

 Die Lernenden wollen sich ausprobieren. Sie wollen das Probieren probieren, bzw. lernen, zu probieren. Wie probiert man so, dass ein Ergbebnis zustande kommen kann, das mehr ist als die Intention des Probenden? Zu thematisieren sind Mechanismen der Verführung, sind die Strategien der Macht und deren Ausübung im sozial bedingten künstlerischen Schaffensprozess. Ebenso die Art und Weise, wie Überwältigungsstrategien entwickelt und umgesetzt werden.

 Regieführen heisst, fähig sein, eigene Vorstellungen zu formulieren, diese zu teilen, sie zu erhalten und dem Gemeinsinn anzupassen ohne sie aufzugeben.

  Quasi hinterrücks setzen sich Vorstellungen durch, die landläufig mit so ungreifbaren Begriffen wie „künstlerische Vision“, „Bild“, „Ziel“, aber auch „Konzept“, „Idee“ bezeichnet werden. Diese Vorstellungen werden dann im Produkt verwischt.

 Verwundert stellen Beobachter fest, dass, was geschieht, wunderbar ist, dass Harmonie herstellbar ist, das etwas funktioniert, sie glauben zu wissen, was geschieht, sie werden aber nie wissen, was geschah.

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