Rede zum Diplom 2014

Spielen: Gerätelosigkeit_Erzählen über/ von
1. You can’t exist in a vacuum, you are rooted in time
2. Artistic Activity can hardly be thought of as anything but a “debate with existing reality”
Sigmar Polke
Von der Vergangenkeitsbewältigung zur Zukunftsbewältigung
Wieder bereichern wir mit Euch, ihr mit Hilfe der Dozierenden, all derer, die hier für Euch und Eure Angelegenheiten arbeiten, die Welt und deren zukünftige Entwicklung. Ihr seid Morgen, sagen die Bachelorabsolventen Schauspiel in ihrem Abschlussprojekt.Ihr seid die Zukunft, das Zukünftige, eine Hoffnung . Ein Meister aus dem 16.Jahrhundert stellt das Hoffen, aus dem Hoffnung wird, als ein Tun, eine anstrengende? absurde? Arbeit dar.
(Bild: Hoffen heisst: Wolken ziehen wollen).

Zukunft/ Morgen Sein: Das ist erst einmal nichts anderes als eine Tatsache, ein Sachverhalt.
Was diese bedeuten könnte ist abhängig von dem, was das Heute ist. Die Antwort zu suchen, ist eminent interessant. Unsere Aufgabe in diesem Augenblick der Besinnung.
Ich denke,noch wie war der Wandel, die Veränderung so sehr erlebbarerTeil des Lebenszusammenhangs einer Generation wie für die heute 50 – 60 jährigen. Damit ist nicht Innovation gemeint. Das führen diejenigen, die sich auf Geld – und materielle Wertvermehrung spezialisiert haben, unablässig im Munde. Wandel meint eher einen allumfassenden Wechsel der Paradigmen und Referenzen, die uns bislang bestimmt haben.
Dieser Wandel, den ich hier ansprechen will ist Eure Zukunft. Neu/ revolutionär ist nicht nur die weltumspannenden Entgrenzung der Kommunikation, meist Globalisierung genannt, sondern die Veränderungen, die unsere Wahrnehmungen, unser geistiges, physisches und metaphysisches Verhältnis zu unserem Hier – und Dasein betreffen. Also Bereiche, die Eure Tätigkeitsfelder sind.
Ob wir , was geschieht, hinreichend verstehend vorwegnehmen können, ist zu bezweifeln, das Verstandes – Vermögen reicht vielleicht nicht mehr aus für das Kommende, so dass wir das Euch und den kommenden Generationen überlassen müssen. Vielleicht auch gut so nach diesem 20. Jahrhundert, das dominiert war von Abstraktionen wie Armee, Nation, Kirche, Volk, Klasse, Proletariat, Familie, Markt, rückblickend eine einzige lange Kette von Unheilsversprechen.
Der Philosoph Michel Serres hat mit immerhin 82 Jahren vor kurzem, in einer „Liebeserklärung an die vernetzte Generation“ behauptet, dass die Angehörigen der Generation, die jetzt eingeschult wird, einer anderen Spezies angehören als wir (die weit im vorigen Jahrhundert Geborenen).: die KLEINEN DÄUMLINGE, die mit ihren flinken Fingern ihre Smartphones steuern, sich vernetzen und kommunizieren. Das klingt naiv – ist es vielleicht auch – und trivial – ist es sicher nicht -, konnotiert es doch einmal einen hoffnungsfreudigen Zugang zu einer radikal neuen Zukunft jenseits des Verständnisses, das wir gebunden an unser Herkommen und Weiterdenken, haben können. Darüber möchte ich ein paar Gedanken an Euch adressieren, auch um deutlich zu machen, wo die Grenzen unseres Einflussvermögens gewesen sein mögen.
1. DIE ZUKUNFT
Was die Zukunft ist, ist eigentlich eine blöde Frage, aber dann doch die Einzige, die eine institutionelle Welt – Belieferungsmaschine beschäftigen sollte und darf. Wie gesagt, Ihr schliesslich seid diese Zukunft. Ihr vermittelt uns eine Vorstellung davon, was möglich ist, was alles neu zu erfinden sein mag: die Gesellschaft und ihr Bildungssystem, ihr selbst. „Erfindet Euch neu!“, heisst auch, „Lasst Euch von niemanden als Euch selbst erfinden/ bestimmen“.
Veränderungen, die wir erlebt haben und dokumentieren können:
GEOPRAKTIKEN/ (KÖRPER):
Um 1900 arbeiteten die meisten Menschen auf diesem Planeten in der Land – und Ernährungswirtschaft, Heute sind dies in den westlichen Industrienationen nur noch etwa 1%.
Die Weltbevölkerung ist in einer Lebensphase von 2 auf 7 Milliarden Bewohner angestiegen, die Welt für die zukünftigen Generationen wird voller und voller.
Die Lebenserwartung ist hierzulande auf durchschnittlich 80 jahre gestiegen, schwor man sich vor 100 Jahren noch ewige Treue, wenn man heiratete, bedeutete das einen Zeitraum von weniger mehr als einem Jahrzehnt.
Das physische Leben wird durch die Fortschritte der Medizin schmerzloser und beherrschbar,
Hunger ist in unseren Regionen weitgehend unbekannt.
Haben wir noch in kulturell homogenen Schulklassen gesessen, wird heute in Kollektiven gelernt, und studiert, in denen die unterschiedlichsten Religionen, Sprachen und Herkünfte und Gebräuche aufeinanderstossen.
Wir sind gewohnt, unsere Tätigkeiten dem metrischen Raum entsprechend zu organsieren, in dem wir heute 50 jährigen aufgewachsen sind: „Zentren wie Schule, Klassenzimmer, Unterrichtsräume, Campus, Hörsaal, Bibliotheken, Rednerpult, von dem aus das Sprachrohr den Hörern Reglosigkeit und Schweigen auferlegt, die Ausrichtung des Gerichtssaals auf den Richter, des Theaters auf die Bühne, des Hofs auf den Thron, der Kirche auf den Altar, des Wohnraums auf den Herd,… der Vielheit auf das Eine. Fest verankerte, in Reihen aufgestellte Sitzbänke für die stillgestellten Körper dieser Höhleninstitutionen.“
Diese Räume sind offen und porös geworden, der alte Raum der Konzentration dehnt sich, weitet sich aus und wird Verteilungs – Distributionsraum, Raum unmittelbarer Nachbarschaften. (Serres)
Michel Serres nennt dies das Ende des Schauspielerzeitalters und läutet dann gleich auch noch das Ende der Ära des Entscheiders ein:
Keine Zuschauer mehr, der Theaterraum wird von beweglichen Akteuren bevölkert; keine Richter im Gerichtssaal, nur aktive Redner; keine Priester mehr im Heiligtum, der Tempel füllt sich mit Predigern, kein Professor mehr im Hörsaal, überall Lehrende. Keine Machtträger mehr in der politischen Arena, die von nun an von den Entschlossenen besetzt wird.
Die Unordnung, das Disparate anstatt Ordnung und Plan. Mögen Hochschulen entstehen, deren Raum inhomogen ist, fleckig, gescheckt, bunt, getigert, von Konstellationen durchzogen – real wie eine Landschaft. ” (Serres)
Bruchstücke einer möglichen Zukunft, wie sie der Philosoph mit dem Aufkommen und der zunehmenden Verbreitung der neuen medialen Oberflächen und der damit einhergehenden Praktiken aufscheinen sieht.
Das sagt der Philosoph. Der Wissenschaftler konrontiert den Philosphen mit der Realität:
Die Radikalität, mit der sich das „Gesicht“ der Welt verändert, ist der treibenden Kraft der Digitalisierung geschuldet. Auch ein Begriff, dessen Bedeutung hinter seiner Verwendung zu verschwinden droht.
Die neuen Medien, mit denen wir herumhantieren, und die nur neu sind für eine Generation, die mit anderen, trägeren Medien aufgewachsen sind, die noch dem Schauspielerzeitalter entsprungen sind ( Fernseher, vor denen wir uns als Publikum platzieren, Telefone mit Wählscheiben und Hörern, die man auf Gabeln auflegen konnte, wenn die Kommunikation zu beenden war, Schreibmaschinen, die mechanisch eine typograhisch festgelegte Form der Schrift zu produzieren in der Lage waren, Plattenspieler, auf die man Scheiben legte, die von Tonarmen abgetastet wurden, die von Hand zu betätigen waren), diese neuen Medien versprechen Zugänge zu “unsichtbaren Maschinen” (Niklas Luhmann).
1.3. RAUM
Dies thematisiert unter anderen den RAUM und das Verständnis von Raum, in den wir ja noch immer unsere Vorstellungen der Weltbeschaffenheit projizieren: szenischer Raum, physischer Raum, geographischer Raum, metaphysischer Raum, das All: Das Sujet von Szenografen und Filmemachern, die die Fragen unseres Raumverständnisses künstlerisch kontextualisieren: Was ist der Raum des Auftritts, der Projektion, der Filmwahrnehmung, des Filmbilds, der Leiblichkeit, der Präsenz, aber auch der Raum der Hoffnung, der Empörung, des Glaubens, der Zuversicht?
Eure Zukunft ist bestimmt von einem neuen Widerstreit von Tiefe und Oberfläche. Das war auch in der Vergangenheit so. Aber die neue Dimension dieses Spannungsverhältnis ist ganz offensichtlich das zentrale Moment der Irritation und Erneuerung, das wir erleben.
Wenn der Soziologe von der „Verkirchlichung des religiösen Effekts der neuen medialen Oberflächen“ (Baecker) spricht, ist folgendes gemeint, ihr kennt das, wisst es aber vielleicht nicht: ein sichtbarer, sinnlich erlebbarer und handhabbarer Raum, der über die Oberfläche zu mobilisieren und zu konstruieren sein scheint und uns Zugang zu den Tiefen des Netzes, der Verknüpfungen, des Datenraums gewährleistet (Suchmaschinen, soziale netzwerke, etc). Die Oberflächen springen uns als für uns gemacht an und erzeugen den Schein individueller Zugriffs- und Steuerungsmacht. Die Tiefenbereiche unterhalb der Oberflächen entziehen sich diesem Schein und erarbeiten mit unendlicher Detailbesessenheit Algorithmen, die jede scheinbar selbstbestimmte Aktion sammelt sortiert übersetzt und gegen mich verwendet? Kritisch gesehen ja, kritisch gesehen nein, …. Zumindest können wir beobachten, das mit der Eröffnung eines Kontos „ in einem sozialen Netzwerk meine Freunde nur meine Freunde sind, weil sie sich für meine Freunde interessieren, solange ich hinreichend interessante Freunde habe.“
Im Ernst: Ihr werdet in der Lage sein, die Zugänge zu den Tiefen des Netzes weiter zu entwickeln. Deren Skandalisierung (Stichwort: NSA) ist der erste Schritt, von dem aus der Anspruch auf neue Formen der Kommunikation, des Ausgleichs, der Vereinbarungen, eine neue Moral formuliert/ in Kraft gesetzt wird. Eine weitere erfüllende und grundlegende Aufgabe für Euch und in der von Euch zu gestaltenden Zukunft. Wiederum wiet über das hinaus, was die Generationen vor Euch zu denken und zu veranstalten versucht haben.
Das findet Platz in der Kunst: Eure Aufgabe wird sein: die Rolle der Kunst und ihrer Werke in der Erarbeitung neuer moralischer und ethischer Standards zu bestimmen, damit das Positive der Zukunft der vernetzten Welt dem Problematischen ( wachsende Herrschaftsdispositive derjenigen, die über die grössten Maschinen verfügen (Google, Facebook und Co) überlegen sein wird? Eure Rolle wird die von Mit-Entwicklerinnen und Entwicklern von Moralvorstellungen einer digitalen Welt sein.
Die Kunst stellt in ihren Werken die Fragen, die mit den Veränderungsprozessen einhergehen und unbeachtet bleiben, wenn die Benutzer der Oberflächen der Maschinen die Besitzer der grossen Maschinen nicht kontrollieren und überwältigen.
Der Film setzt sich in seinen Werken mit der neuen Realität des Lebens mit der digitalen Realität auseinander:
Ein Beispiel ist:
HER von Spike Jonze
Beispielhaft wird unsere Form der Wahrnehmung des Kommunikationsmediums LIEBE infragegestellt.
Die Frage ob wir uns in ein Betriebsystem, das eine Stimme hat, die uns unsere neusten E-Mails vorsortiert vorliest, Musik wählt und Ähnliches, und ein lernfähiges Bewusstsein hat, verlieben können zielt auf die Fragen der Digitalisierung:
Was macht einen Menschen aus?
Wie bedeutsam ist der Faktor Kommunikation und Empathievermögen im Miteinander?
Kann eine körperlose Liebe genügen?
Was bedeutet “Erleben”?
Kritisch betrachtet: Wie sieht unsere Zukunft aus angesichts bereits aktuell vorhandener Freisprechknöpfe im Ohr, unablässiger fotographischer Aneignung der Umgebung mit dem Handy und vonSoftwaresystemen, die eine Stimme haben?
Der Film zeigt, wie tröstend und emotional ergreifend eine kommunikative, empfindsame Präsenz sein kann, auch wenn sie keinen Körper besitzt.
Dass der Film dies zu erzählen vermag und alle Komplikationen, die aus der Ausgangslage entstehen, macht den Film zu einem Medium das die mediale Zukunft zu dramatisieren vermag.
Das Theater tut dies indem es sich und seine Funktion zu befragen nicht aufhört, und sich ständig zu verändern in der Lage ist: indem es seine Formen (Aufführungen, Institutionalisierungen, Legitimationen), seine Symbolisierungen (….) und seinen Betrieb, sein Kunst-Selbst-Verständnis bezweifelt, weiterentwickelt und seinen Einflussbereich ausdehnt und bezweifelt.
Es tut dies (Dramatisierung seiner Rolle in der Zukunft) , indem es seine Vermittlungsnot, sein Integrationsbedürfnis und seine Weltzugewandheitszwänge (Selbstlegitimation) nicht bezweifelt, sondern alles ausprobiert, was auf es zukommt und infragestellt.
Hier öffnet sich unablässig ein Spielfeld für neue Aktivitäten und Revolutionen, die auf Erfahrungen basieren, die nicht mehr unsere sind und nach dem Ende des Schauspielerzeitalters die Rolle von Spielerinnen und Spielern erweitert und redifiniert.
Zurück zu dem Bild, das ihr seht:
HOPE IS: WANTING TO PULL CLOUDS, heute
Sigmar Polke hat den Kupferstich des anonym geliebenen Meisters, der als Petrarcameister bezeichnet wird, bearbeitet: Die Arbeit eines Künstler am Beginn des Zeitalters des Buchdrucks, der Hoffnung, Glück und Trost allegorisiert hat in unsere Gegenwart transferiert, übersetzt:
Polke erzählt uns mehr noch wie der Kupferstecher aus dem 16 Jh. aus dem Ende des 20 Jh heraus: dass alles, was wir hoffen können, wünschen wollen und fürchten müssen auch eine Form von Arbeit ist und nur als Arbeit begreifbar ist und sinnvoll wird: nicht nur Hoffen, Wünschen, Fürchten, sondern auch die Darstellungsversuche dieser „Basisvermögen.
Und nebenbei: dass das Ziehen von Wolken auch den Kampf mit den Herren der Wolken bedeuten könnte: den Besitzern der grossen Maschinen.
Dass Eure Arbeit des Hoffens Wünschens und Fürchtens in Formen und Weisen zu gestalten sein wird, die auch das Ziehen und Beherrschen von Wolken beinhaltet, ist Euch nun überlassen. Ich freue mich für Euch um die vor Euch liegenden Erfahrungen.
Shakespeare schliesst sein grosses pessimistisches Stück über die Zukunft mit den Worten einer anderen Däumline, dies sei Euch allen, die ihr wie auch immer einen Abschnitt mit und an dieser Hochschule beschliesst, ebenfalls noch mitgeteilt:
O Wunder!
Was gibts für herrliche Geschöpfe hier!
Wie schön der Mensch ist! Wackre neue Welt,
Die solche Bürger trägt.

Glück auf!
Danke für Euer Zuhören.

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