Rede zum Diplom 2015

Liebe Diplomandinnen und Diplomanden, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Das Drinnen und das Draussen
Inside Out

(Diplomvergabe, heute, beginnen muss ich mit einer Entschuldigung. Um Verzeihung bitten, um Nachsicht, um Gnade, Vergebung? Aus der Vergabe wird eine Bitte um Vergebung.
 Wir vergeben Diplome ohne Diplome. Diese sind, wie ihr im Vorfeld erfahren habt, aufgrund eines verwaltungstechnischen Fehlers nicht fertig gedruckt. Peinlich und eigentlich nicht zu rechtfertigen. Welche Aktion kann man aus diesem Fehler machen? 

Es fehlt hier und jetzt das Dokument, das Euer Ausweis sein soll von heute an. Das Fehlen des Dokuments, des Ausweises, der Euch zusteht, für den ihr unter anderem hier studiert, Prüfungen abgelegt, Gespräche geführt habt. Ihr bekommt ein Dokument, das zumindest. Das supplement, das ausweist, was ihr geleistet habt, das Notenblatt, das bewertet, was ihr geleistet habt und das Anrecht auf das Diplom, den Ausweis, das Dokument. Also das virtuelle Diplom.)

. Eine wichtige Zeit geht zu Ende, wird unterbrochen, und eine wichtigste wichtigere Zeit beginnt: die Zeit der Karrieren, der Praxis, der Beginn des Wegs in die Künste. Gibt es eine Weg. Gibt es hier nicht nur Notwendigkeit, Pathos, Aufgabe, Verzicht. Ist dort, wo ihr sein werdet, Glück, Erfüllung, Wohlbefinden. Jetzt im Nu, dem Moment, diesem Augenblick, Statistik, geronnene Zeit, Zeit des Schon/ aber Noch-Nicht: Noch nicht entdeckt? Noch nicht etabliert, noch nicht gewusst, noch nicht erfahren, noch  nicht einschätzbar für andere,  noch nicht im Betriebssystem Kunst angekommen.
Die Hochschulleitung wird von Teilen der Hochschulangehörigen angegriffen, wenn sie bei der Bewerbung der Diplomarbeiten von Drinnen und Draussen spricht. Abgesehen davon, dass niemand von uns bezweifelt, dass Ihr und Sie Erfahrungen mit einem Ausserhalb der Ausbildung und ihrer Regeln liegenden Terrain gemacht habt, steht nun doch ein Schritt an aus etwas hinaus, ein Raum, ein Gehäuse, das Ihnen Rahmen, Ziele Strukturen gegeben hat. Was dieser Schritt heissen kann (was ist die Welt, das System Kunst, die Rolle der Kunst in einer schwierigen Welt, die Karrierechancen und – wege, etc.), könnte ich Euch beschreiben, will ich aber hier und heute nicht. Ich wende mich der Wirklichkeit zu, der ihr Euch wieder und erneut unter neuen Bedingungen zuwendet und die das Gebiet bezeichnen soll, das vor Euch, um euch herum liegt und schon immer gelegen hat.
Zugänge zur Wirklichkeit. Welche Wirklichkeit? Die wahre Wirklichkeit. Die Wirklichkeit als der Raum des Wirkens, des Werks, des Bewirkens. Also der Raum, der unabhängig von der philosophischen Frage, ob es ihn wirklich gibt, Zugänge für Euer Tun bietet, Euer Tun und Wirken benötigt, fordert.
Je nach künstlerischer Präferenz, Programmatik, Vorstellungsvermögen werdet ihr der Wirklichkeit begegnen, der Ding – und Sachwelt, den Sachverhalten, den Angelegenheiten, den Tatbeständen und -sachen. Allem also, was der Fall ist. Das Thema Wirklichkeit und Zugang zur Wirklichkeit hat in diesem jungen 21. Jahrhundert auf unterschiedlichen Ebenen bereits eine erstaunliche Karriere gemacht.  Es wird von Gier nach Wirklichkeit gesprochen, die einerseits mit dem Auskosten der Möglichkeiten zu tun hat (womit wir beim hedonistischen Lebenshunger sind) und Rücksichtlosigkeit und Egoismus verursacht, die aber andererseits auch eine radikale Hinwendung zu den realen Dingen ist, die beeinflussbar, kontrollierbar, handhabbar, bewirkbar sind. Das Echte, Authentische, das Wahre sind Kern von ästhetischen Bemühungen und Wirkweisen geworden, in einem Ausmass und mit Erfolgen wie selten zuvor. Diese Bemühungen scheinen einem ebenso starken Wahrnehmungsbegehren zu entsprechen.
Der amerikanische Autor David Shields, der so witzige Buchtitel verzeichnet wie:

  • Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist. Eine Anleitung zum Glücklichsein
  • Enough About You. Adventures in Autobiography.
  • Handbook for Drowning.
  • Life is short Art is shorter

ist Verfasser des Manifests, das “Wirklichkeitshunger” heisst.
Erstens: Er behauptet darin, dass Wir zwangsweise in einer gemachten unbd künstlichen Welt leben, und deshalb nach dem Wirklichen lechzen. All dem Fabrizierten etwas Nichtfiktionales entgegenstellen – autobiografische Schauer oder gerahmte, gefilmte, festgehaltene Augenblicke, die in ihrer scheinbaren Authentizität zumindest die Möglichkeit eröffnen, das Chaos um uns herum zu durchbrechen.
Wirklichkeitsorientierte Kunst im Sinne von Shields kindnappt ihr Material und entschudligt sich nicht dafür, Im Sampling und in der Montage und Kompilation verschiedener Quellen entstehe Kunst.
Das Modell des Originären, Singulären, Einzigartigen wird abgelöst durch eine Strategie der Anverwandlung, Umwandlung, Transposition, etc. von Gegebenem.
Zweitens: Wirklichkeitshunger wird gesättigt durch Arbeit, durch Aneignung und Veränderung der Wirklichkeit.  Wirklichkeitshunger könnte also auch heissen: Hunger nach dem Sozialen, dem Austausch, und damit nach Arbeit, der Grundlage aller sozialen Realität. Arbeit am Wirklichen als Gewährleistung für soziale Sinnproduktion. Deswegen ist künstlerische Aneignung von Wirklichkeit mehr als Stadtrundgänge, Wohnungsbesuche, oder das auf die Bühne Zerren von Asylsuchenden, um angeblich deren wahre Geschichte zu erzählen.
Zwischenruf: Olaf Nicolai :Szondi/Eden:
Ich erinnere mich an die Zeit, als wir uns mit Ästhetiken beschäftigt haben. Ich habe mich nur rudimentär mit ästhetischer Theorie beschäftigt, ein bisschen Hegel, ein bisschen Kant und Schiller, ein bisschen MARXISTISCHE ÄSthetik, Benjamin und Lukacs, Adorno. Lukacs war da ein wiederkehrender Name, der einerseits mit Geschichte und Klassenbewusstsein, andererseits mit einer versprochenen in Aussicht gestellten ÄSthetik für eine Zeitlang Unruhe gestiftet hatte. Leo Kofler in Bochum war wohl ein Nähefaktor zu Lukacs und natürlich Brecht, der sowieso eine nicht zu unterschätzende Mittlerposition in der Orientieungslosigkeit, die die Jahre 1972 bis 1979 kennzeichneten.
Was aber ist die Message des Projekts von Olaf Nicolai. Wer ist Olaf Nicolai.
Zurück zu zweitens: Künstlerische Aneignung von Wirklichkeit ist eine andere Arbeit: bei Godard heisst es der Ort, der uns aus dem Kino befördert und uns mit der Wirklichkeit verbindet, ist die “Schule”, die Schule der Wirklichkeit. Godards Filme sind ein ausgezeichnetes Beispiel für eine Kunstpraxis, die Arbeit, Aneignung von Wirklichkeit, ist: dass gelungene Kunst nicht ausserhalb des schlechten Bestehenden stattfindet, sondern mitten in diesem, und dort strampelt sie sich dann ab, Boden unter die Füsse zubekommen. “Une place sur la terre”. Draussen drinnen, mitten drinnen im Bestehenden, eine Arbeit:
“Nicolas sagte neulich zu mir, Jean-Luc, mach doch mal einen richtigen Film” “Das versuche ich ja, aber ob es ein richtiger Film wird? das ist nicht so leicht” Nicht so leicht, weil das nichts mit Absichten zu tun hat, sondern mit Materialien, mit dem Zustand der Dinge, der Menschen, der Landschaften, der Bilder, der Töne, der Geräusche und wie man sie zusammenbringt, damit etwas GESEHENES entsteht. 1 Bild kann lügen, 2 Bilder nicht, 3 Bilder plus Töne, auseinandermontiert, zeigen etwas, das es gibt.”
Wie ihr Euch die Wirklichkeit aneignet müsst ihr jetzt regeln. Was ihr aus dieser macht. Und ob ihr die Hinwendung zum Wirklichen schafft und damit zu Gestaltern der Welt werdet.Ich hoffe das, sehr sogar.
Drittens: Das Roman-Mammutwerk von Knausgard „Mein Kampf“  ist ein moumentaler Kampf mit den Tatsachen, Sachverhalten des eigenen gelebten Lebens: Detailbessenheit für das Gewöhnliche, gnadenlose autobiografische Exegese des Lebens, des Spielens, des Liebens, des Sterbens und jetzt des Träumens. Ein Geheimnis des überwältigenden weltweiten Erfolgs dieses Werks ist sein Beharren auf der Bedeutung des Gewöhnlichen, das mir plötzlich ganz nah wird, mich einschliesst, mich beruhigt: ja, das Aussergewöhnliche ist nicht unbedingt das Ziel des Lebens.
Insgeheim bestätigt das Opus von Knausgard, was Shields vom Zugang zur Welt verlangt, was mit der Arbeitsweise von Godard im Sinne der Wirklichkeitsaneignung und – erzeugung zu tun hat.
Alles ist erklärt, alles ist begriffen, alles liegt innerhalb des geistigen Horizonts des Menschen, angefangen beim Allergrößten, dem Universum, dessen ältestes beobachtbares Licht, die äußerste Grenze des Alls, aus der Zeit seiner Geburt vor fünfzehn Milliarden Jahren stammt, bis zum Allerkleinsten, den Protonen und Neutronen und Mesonen des Atomkerns. Selbst die Phänomene, die uns töten, etwa die zahlreichen Bakterien und Viren, die in unsere Körper eindringen, unsere Zellen angreifen und sie wuchern oder absterben lassen, kennen und verstehen wir. Lange wurden nur die Natur und ihre Gesetze so abstrahiert und durchleuchtet, doch heute, in der Zeit des Bildersturms, gilt dies nicht mehr nur für die Naturgesetze, sondern auch für ihre Orte und Menschen. Die gesamte physische Welt ist in diese Sphäre gehoben, alles ist dem Riesenreich des Imaginären einverleibt worden, von Südamerikas Regenwäldern und den Atollen des Stillen Ozeans bis zu den Wüsten Nordafrikas und den grauen und baufälligen Städten Osteuropas. Unsere Gedanken sind durch Bilder von Orten überschwemmt worden, an denen wir nie gewesen sind, die wir aber dennoch kennen, von Menschen, denen wir nie begegnet sind, die uns jedoch trotzdem vertraut sind, und wir führen unser Leben in einem hohen Maße in Beziehung zu ihnen. Die Empfindung, dass die Welt klein, eng, hermetisch abgeschlossen, ohne Öffnung zu etwas anderem zu sein scheint, ist beinahe inzestuös, und selbst wenn ich wüsste, dass es abgrundtief falsch wäre, da wir im Grunde gar nichts wissen, entkäme ich ihr doch nicht. Die immerwährende Sehnsucht, die an manchen Tagen so groß war, dass sie sich kaum kontrollieren ließ, ergab sich hieraus. Nicht zuletzt um sie zu lindern, schrieb ich, durch das Schreiben wollte ich die Welt für mich öffnen, gleichzeitig führte dies aber auch dazu, dass ich scheiterte. Mein Gefühl, dass keine Zukunft existiert und sie nur aus immer mehr vom immer Gleichen besteht, lässt jede Utopie sinnlos erscheinen. Die Literatur ist stets mit dem Utopischen verwandt gewesen, wenn das Utopische also seinen Sinn verliert, gilt für die Literatur das Gleiche. Woran ich mich abarbeitete und woran sich vielleicht jeder Schriftsteller abarbeitet, war die Bekämpfung der Fiktion mit Fiktion. Eigentlich sollte ich das Existierende bejahen, den Stand der Dinge bejahen, will sagen, mich in der Welt tummeln, statt nach einem Ausweg aus ihr zu suchen, denn so würde ich zweifellos ein besseres Leben bekommen, aber das wollte mir nicht gelingen, ich konnte es nicht, in mir war etwas erstarrt, hatte sich eine Überzeugung verfestigt, und obwohl sie essentialistisch war, das heißt unzeitgemäß und, schlimmer noch, romantisch, konnte ich sie deshalb nicht einfach außer Acht lassen, weil ich sie nicht nur gedacht, sondern auch mittels dieser plötzlichen Zustände von Hellsichtigkeit erfahren hatte, die wohl alle kennen, in denen man binnen weniger Sekunden eine ganz andere Welt sieht als die, in der man sich noch einen Moment zuvor befand, in denen die Welt für einen kurzen Moment vortritt und sich zeigt, ehe sie wieder in sich selbst fällt und alles wie früher zurücklässt …
In den Arbeiten von Euch finde ich zum Teil glückhaft wieder, was an das Gesagte anknüpft, eine Weltzugewandtheit im radikalen Sinn:

o   Lesja Kordonets dokumentiert in ihrem Dokumentarfilm „Balazher“ ukrainische Menschen jenseits der Grenze nach Europa. Sie zeigt Lebensrealitäten von Menschen in der Ukraine, Busreisende, sie metaphorisiert den Zustand und die Stimmung des Landes in dem Bus, der die Hauptrolle spielt und seine Arbeit immer kurz vor dem Zusammenbruch ausführt
o   Natalie Pfister rekonstruiert/dekonstruiert in Familienbruchstück den Stand einer Trennungsfamilie und konfrontiert die Familienmitglieder mit ihren von Schauspielern nachgespielten Haltungen. Eine gesteigert Wirklichkeit entsteht
o   Michele Cirigliano erkundet in Padrone e Sotto Kindheitserinnerungen an ein Kartenspiel und damit an ein soziales Gefüge aus seiner Heimatstadt. Auch in seiner Arbeit wird durch die Kameraarbeit und die Erzählung eine Welt wirklich.

 o   Still life von den Studierenden des 1 Studienjahrgangs Schauspiel
 o   Die Diplomausstellung der Szenografie
 o   IGod der Schauspiel und Szenografiestudierenden des BA Theater erkundet erzählend eine Kleinindustrieruine am Rande von Zürich und dabei ein ganzes Bündel existentieller Fragen
 o   Miriam Walters Like/Don`t Like setzt sich direkt und ohne sich selbst als Fragende zu verstecken mit den Fragen einer digitalisierten Welterfahrung auseinander
 o   Die Arbeit der Neuen Dringlichkeit sucht die Horizonte politischer Kunstpraxis zu vermessen

Hier wird versucht, an die Realität heranzukommen, diese in die künstlerische Auseinandersetzung hineinzuholen oder grössere und grössere Stücke von ihr in die Werke hineinzuhauen.
Was wird aus Euch, was ist aus Euch geworden.
Noch nicht lange Verabschiedete markieren ihre Entwicklungen in jenem Draussen in der  Wirklichkeit:

  • Frederik Tidén übersetzt das akzelerationistische Manifest und bewegt sich damit an vorderer Front der politischen Debatte
  • Jan Philip Gloger feiert Erfolge nicht nur in Bayreuth sondern auch an der Oper Zürich mit seiner Vivaldi Inszenierung: La verità in cimento (Die Wahrheit auf dem prüfstand) und bleibt seinem Prinzip treu, die alten Stoffe der Oper nah an unsere Gegenwart heranzubringen
  • Talkhon Hamzavi und Stefan Eichenberger werden mit einer Studie über die Einsamkeit einer jungen Asylsuchenden für den Oskar nominiert
  • Chrieg von Jaquemet ist ein Markstein  schweizerischen Filmschaffens, indem er die schweizerische Bergwelt mit den Problemen einer wohlstandsverwahrlosten Jugend konfrontiert
  • Kurt Früh reloaded – die Masterstudierenden Film setzen sich energisch und selbstbewusst mit einer schweizer Filmikone auseinander und leisten damit erstaunlicherweise einen weiteren Beitrag zur Gegenwartsaneignung
  • Maja Leo arbeitet in der artas foundation und entwickelt ein spannendes Projekt Said to Contain in einem globalen Handlungfeld
  • Vicky Krieps macht sich im jungen deutschen, aber auch im internationalen Film bekannt
  • Miriam Stein österreichischer Film und Fernsehpreis als beliebteste Film und Fernsehschauspielerin 2014
  • Thom Luz Nachwuchsregisseur des Jahres (Absolvent der Schauspielausbildung in Zürich)

undsoweiter und so fort.

In diese Welt und in diese Nachfolge, Täterschaften seid ihr nun entlassen.

Ich wünsche Euch beste Erfolge, Glück und Erfüllung bei allem, was nun auf Euch zukommt, bei allem, auf das ihr nun zugeht.

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