Rede zum Diplom 2016

Liebe Diplomandinnen und Diplomanden,

Liebe Eltern und Freunde und liebe Dozierende

Es ist Juni und wieder wie jedes Jahr ziehen wir die Linie  zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Heute und Morgen und – wie Rainald Goetz das in seiner Rede zur Entgegennahme des Büchnerpreises 2015 ausgeführt hat,  – zwischen Alter und Jugend.

Wieder wie jedes Jahr entlässt die Akademie die Jugend in ihre besste und vornehmste Aufgabe: die Welt zu zerstören, die sich vor ihr aufgetürmt hat, damit Neues enstehen kann, Besseres: Zukunft.

Ich möchte ein paar Referenzen zitieren auf den Weg:

  1. Walter Benjamin:

„Was auch die Schule zu leisten vermag, bleibt Vergangenheit, wenn auch bisweilen der jüngsten. Der Zukunft kann sie nichts weiter entgegenbringen als strenge Aufmerksamkeit und Ehrfurcht….”

Aufmerksamkeit und Ehrfurcht also sollen der Unterton dieser kleinen Geste der Begrüssung zur Diplomvergabe sein.

und:

“Die Kultur der Zukunft ist das Ziel der Schule – und so muss sie schweigen vor dem Zukünftigen, das in der Jugend ihr entgegentritt. Selbst wirken lassen muss sie die Jugend, sich begnügen damit, Freiheit zu geben und zu fördern,…“

Das ist das jedes Jahr wieder Neue: das Innewerden der Grenzen, innerhalb derer die Schule zu geben vermag. Hier in diesem Moment des Übergangs liegt das Entscheidende und nicht in den paar Jahren, die nun verschlossen werden von Eurem und Ihrem Schritt über die Schwelle, durch das Tor, ins Offene: die Hochschule wird auch für Euch und Sie nur ein Rahmen gewesen sein, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn die momentan mit Macht auftretenden Kritiker der Regeln, die hier geherrscht haben und herrschen, auch mehr wollen, das Austragen von Kämpfen nämlich um Erlaubtes und Nicht Erlaubtes und Regeln und das Brechen von Regeln, mehr wird nicht möglich gewesen sein als:

Raum für die werdende Kultur schaffen. Eine Aufgabe, die gross genug ist.

Was die werdende Kultur sein mag, können wir nur erahnen, momentan eher auch: befürchten. Die werdenden Künstler, also ihr und Sie müssen die Frage, wie  Ahnung in Realität, Befürchtung in Hoffnung umzuprägen sind, unbedingt beantworten. Dazu wünsche ich Mut, Kühnheit und die Kunst, Grenzen zu ignorieren.

  1. Peter Handke (die künftige Kultur: Politik und Kunst)

1973 fragt der 30jährige Peter Handke in seiner Rede zur Verleihung des Büchnerpreises:  Wie wird man ein politischer Mensch? Er dreht die Frage dann schnell in eine scheinbar andere Richtung und fragt  “Wie wird man ein poetischer Mensch?” Und umkreist in seiner Rede wie auch   in den darauf bis heute folgenden 43 Jahren die Not, beide Fragen gleichzeitig stellen zu müssen .

Aber: damals: also annähernd Euer Jetzt: Eine gewaltige Emphase des Aufbruchs begleitet die Ausführungen des jungen Schriftstellers. Wohin? Hinaus, hinauf, weg! Ein politischer Mensch werden! Ein poetischer Mensch! Dorthin führt Handke in seiner Rede seinen Gedankengang, von der Politik zur Poesie. Wie wird man ein poetischer Mensch? Handkes einfache Antwort: „von sich selbst erzählen, sich erinnern“, kommt aus der schönsten Wahrheit seines Jungseins:

Noch nicht zu wissen, nicht wissen zu müssen, was aus einem geworden sein wird.

Er weiß noch nichts von den Kaputtheiten, die auch auf ihn zukommen werden, noch nichts von der Frage: Ist es denn möglich, ein poetischer Mensch zu bleiben?

Die Realitäten, die unsere Gegenwart bestimmen, scheinen dagegen zu sprechen. Fing jeder Bildungsroman des 19. Jahrhunderts mit der Wanderschaft, dem Verlassen des Gewohnten und dem Aufbruch ins Ungewohnte und Ungewisse an, so ist unsere Gegenwart geprägt von erzwungenen und überdeterminierten Wanderschaften.

Dem entsprechend sind verschiedene Haltungen entstanden. Zwei Oppositionen bilden das Grundmuster: das Eigene festigen, festhalten, einzäunen oder: es zur Verfügung stellen, öffnen, porös machen für neue Erfahrungen und Konstellationen.

Europa, Protagonist des Alterns, das uns zu prägen und festzuhalten versucht, ist dabei, eine Festung zu werden/ zu bleiben. Um es herum eine Welt, die sich durch eine nie dagewesene Dynamik der Verwandlung, des Aufruhrs und der Veränderung kennzeichnet: das ist der Stand der Dinge.

  1. Die künftige Kultur

Man kann die Situation zynisch beschreiben , wie das Heiner Müller getan hat: „der traditionelle Aggressor Europa ist jetzt plötzlich von Asien und Afrika umzingelt und steht mit dem Rücken am Ozonloch“ oder so wie das der Autor Tom McCarthy tut , euphorisch übertrieben fast begrüsst einer der Protagonisten des Romans „Satin Island“ die Potentiale dieser Dynamik der Bewegungen:

„Unser Zeitalter scheint, vielleicht mehr als jedes andere, wieder nach einem einzelnen Intellekt zu rufen, nach einem universellen Gelenk, das  alles wieder zusammendenkt – scheint, mit  anderen Worten, nach einem Leibniz zu verlangen. Aber es wird keinen Leibniz 2.0 geben. Was es geben wird, ist eine endlose Abfolge von Migrationen: Wissensparzellen, die von einem Feld ins andere  wandern und dabei mutieren. Kein einzelnes Individuum wird diesen Vorgang steuern,; er wird kollektiv unternommen werden, mit dem Input der ganzen Bandbreite an Disziplinen, mit dem Know-how aller Fachmänner. Migration, Mutation also, und das, was ich „Superzession“ nenne: die Fähigkeit jeglicher Praxis, sich selbst zu überwinden, ihre eigenen Grenzen zu sprengen, sogar bis zu dem Punkt hin, ihre eigenen Bedingungen und Grundsätze für den Durchbruch zu opfern; und diese im Niemandsland zwischen den Territorien, in den weissen Feldern auf der Karte, jenen Zwischenraumzonen also, wo das Licht sich um unmögliche Topographien herum biegt und bricht und so Illusionen, Fata Morganas, Erscheinungen, Spektren hervorbringt, und sie auf neue, fantastische und explosive Weisen zu kombinieren.

  1. Letzte Referenz : ein Gedicht der jungen Autorin,Sängerin, Performerin und Musikerin Kate Tempest: ein emphatischer Ausblick auf die Gegenwart und ihr Potential : Das Gedicht heisst These things I know, ist aber zu lang, deshalb zitiere ich nur eine Zeile, die die angesprochene Schnittstelle markiert und zurück zu Euch und Ihnen führt:

You don`t have to be young to be good at what you do. You just have to be good at it.

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