Rede zum Diplom 2017

Rede zum Diplom 2017

Abgesehen davon, dass dieser Anlass in seiner fröhlichen Wiederkehr wieder und wieder Jugend feiert, also Euch und damit besonders deren, also Euer, Recht und Pflicht, Alles anders zu machen, wirklich Alles, weil wir, die Euch feiern viel zu viel zugelassen haben, was nicht gut, was absehbar und nicht absehbar schlecht und verderblich geworden ist und die Welt dem Abgrund,   hat zutaumeln lassen, abgesehen also von der Feier der Jugend, feiern wir heute einen Lebensabschnitt der Organisation: ein neuer Studiengang entlässt seine ersten Ge-Schöpfe, Schöpfungen, Schöpferinnen und Schöpfer, Tänzerinnen und Tänzer, weitere Bewohnerinnen und Bewohner jenes Zwischenreichs zwischen Himmel und Erde, das ihnen und den Wolken gehört, wie das einmal ein poetisch gestimmter Mensch formuliert hat.
So I like to address you first, young dancers from different parts of Europe.
I’m glad, happy and a little bit proud of having managed this, some of you know how hard it was to achieve the right to have it, a fully recognized bachelor program in contemporary dance.
There was a lot of help from all the enchanted people around the development of the program,  the enormous support from Samuel Wuersten, who was easy to be convinced, that it makes sense to have a program similar to the one in Rotterdam in Zurich and who brought his large net of gifted teachers famous choreographers and managers here to make this program visible and a promise for the future.
Thank you Gianni Malfer Cathy Sharp Marc Wuest and Denise Lampart, and all the other teachers and artists who worked here for the last years with you and for you and hopefully will work here in the future with all the generations ofd ancers who will come  to become students of this program as you have been.
You and your improvements have been visible through your three years learning practice at this university and there have been lots of confirmations that its good what you are learning that there have been open pathways into the various fields of professional practise.

Wir feiern also, dass das Programm dieser Jugend vorerst ausformuliert ist; vorerst heisst: es ist niemals fertig und immer geöffnet für die Erwartungen und Erfahrungen, die es in Zukunft bereichern und entwickeln werden.
Womit ich beim umfassenderen Thema dieses Anlasses wäre. Diesem alle Jahre wieder neu beschworenen Zustand des Dazwischen: zwischen Vergangenheit und Zukunft, Gewissheit und Ungewissheit, Altem Gewohntem und Neuem Ungewohntem.

ZwischenZeit,

(bei Dante heisst das Limbus)

Wenn man die Architektur der Hölle Dantes als Metapher lesen will, könnte man diese als Aufenthaltsort der Kunst bezeichnen: ein riesiges Amphitheater durch den Sturz Luzifers gebildet, bietet den unterschiedlichen Kunstagenten Platz. Diese wären als unterschiedlich stark verdammte/ das heisst Be-zeichnete zu verstehen.

Liebe Diplomandinnen und Diplomanden, zwischen Geleistetem und dem grossen Vorhaben,  eigene Zukünfte zu gestalten, liegt die Besinnung, die Sammlung.  Es heisst, mit der Drift fertig zu werden, die Euch und unsere Gegenwart  und Eure Zukunft erfasst hat.  Unter allen Möglichkeiten ragt für mich immer die zur Veränderung heraus,  zum Insistieren auf Veränderung, dem Kern des Lebens und des Kunstmachens;
aber:

was ist das eigentlich  “Veränderung”: 
Szenenwechsel, Schnitt, Richtungswechsel, Auftritt, … Was gilt?

Zusammengedacht gehören:  Verändern und Erhalten, Anschlussmöglichkeiten an Gewesenes erkunden und nutzen, und auf diese Art Veränderungsfähigkeit ausbilden und pflegen.

Ihr werdet in hohem Mass das Vermögen brauchen können, mit der speziellen Art von Veränderungen umzugehen, die unsere Zeit prägen, sich in der Getriebenheit des globalen Handelns und Verhandelns zu bewähren und zu bewahren. Denn:

The time is out of joint
….. aus den Fugen

Die Drift, die Euch, unsere Gegenwart und Eure Zukunft erfasst hat, manifestiert sich in der Art und Verfasstheit der Weltgesellschaft, deren Teil wir alle sind: eine Weltgesellschaft ohne regional stabilisierte Abstammungen, Herkünfte und Erbschaften, dagegen überwiegend telekommunikativ angebahnte Kreuzungen, Mischungen, Hybridisierungen, Verkupplungen.

Ein Modus vivendi zwischen älteren und nachfolgenden Generationen, so wie das bis vor nicht langer Zeit bei der Generation meiner Eltern noch üblich war, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Damals, als weitergegeben wurde, Erbe und Verpflichtung aus vorangegangenem Erbe und vorangegangenen Verpflichtungen, vorausgegangener Schuld.

als die Zeit einmal verfugt war….
… Aus den Fugen
The time is out of joint

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft waren einmal Zeitdimensionen, die Halt boten. Im 19. Jh etablierte sich ein Verständnis der Zeitdimension “Vergangenheit”, die mehrere Millionen Jahre zurückreicht. Die Zukunft war eine, die sich dann als utopische, der stetigen Verbesserung der Weltverhältnisse abgerungene, optimistisch zu erreichende zumindest in der utopischen Literatur eines Jules Verne z.B. darstellen und ausmalen liess.  Das Gefühl Abkömmling einer ewig anmutenden Vergangenheit zu sein paarte sich mit dem Gefühl, der Menschheit stünden noch ebenso ewige Zukünfte bevor.
Neben der Schrumpfung der Zeitdimension Vergangenheit im Jurassic Park, hat sich das Zukunftsbewusstsein auf eine überschaubare Grösse von maximal zwanzig Jahren verstümmelt. Die Politik wurstelt sich im pragmatisch Machbaren herum uKlimaziele werden für einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren formuliert. Das reicht noch für die eigene Lebenszeit und widerspricht nicht dem um sich greifenden Endverbraucherbewusstsein.
Das Zeitempfinden hat sich also grundsätzlich und wesentlich geändert. Wo keine Wurzeln gepflegt werden (können), ist aus Entwicklung, einem bedachten Fortschreiten vom Gegenwärtigen als einem Produkt der Vergangenheit in eine planbare, gestaltbare Zukunft ein Stürzen geworden. Das heisst heute Innovation und verselbstständigt sich in einer wirren, unablässigen Bewegung auf Neues zu. Die Frage “Stürzen wir nicht fortwährend” machte sich fest an der Diagnose desselben Philosophen, dass Gott, die jahrhundertelang wegweisende Leitfigur unserer Kultur, tot sei, was ja nichts anderes meinte, als dass eine grundlegende Übereinkunft unseres Lebenszusammenhangs aufgekündigt worden war.  Mit diesem Ende einer Epoche ging ein Verlust von Vergangenheit einher. Fortschrittszwang und Innovationshysterie: ein chronisches Nach-Vorne-Stürzen das sich als Tat, Projekt und planvolles Handeln camouflierte und camoufliert .

Passend zu dieser Diagnose des Zeitempfindens und in der Zeit-Seins hat der Wissenschaftler Otto Neurath 1932 die Bemerkung gemacht, wir seien Schiffer, die ihr Schiff auf offener See umbauen; wenn man das auf die modernen Reisemittel übertragen will, kämen wir zu dem Bild des Flugzeugs, an dessen Bord die Menschheit in die Zukunft reist und das gestartet ist, bevor die Techniker das Fahrwerk zur Landung eingebaut hatten… Dass das Bild schief ist, braucht das Flugzeug doch auch zum Starten ein Fahrwerk, ändert nichts an seiner Aussagekraft.

Veränderung  verselbständigt sich also zu einem Wert ohne Basis und gleichzeitig zu einem Zwang, der alles Tätigsein rechtfertigt. Wo Veränderung die Beinote der Verpflichtung verliert, die noch Goethe in seinem Spruch “Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen” festmauerte, steht dem rücksichtlosen faustischen Drang “Stürzen wir uns ins Rauschen der Zeit ins Rollen der Begebenheit” nichts mehr entgegen. Dass dieser Drang des Doktor Faust Leichen, Massenvernichtung und letztlich eine grossartige Selbstverkennung zur Folge haben wird, wissen alle, die Goethes Reflektion dieses Dranges bis zum bitteren Ende, bis zur Konfrontation mit dem Endgegner, seiner eigenen Sorge kennen.

«Nach uns die Sintflut» ruft Madame Pompadour ( 1757 bei einem Fest, das die Nachricht von der entscheidenden Niederlage der französischen Armee bei Rossbach zu stören droht) und macht damit die Steilvorlage, die bis zu den Trumpisten unserer Gegenwart reicht.

Und liefert das Stichwort für die totalitäre Gegenwärtigkeit, die Rücksichtlosigkeit unserer Gegenwart. Dazu passt der Werbeslogan einer grossen deutschen Bank : “Unterm Strich zähl ich”. Womit nämlich auch gleich die passende Subjektkonstruktion angespielt ist:  letztlich bloss noch ein Konsumentenprofil , für das sich Veränderungsfähigkeit auf die Strategiewechsel, die die Selbstvermarktung erfordert, beschränkt, wenn die Geschäfte des Ich nicht so laufen wie es die autohypnotische Formel des Selbstverwirklichungsmantras ausdrückt: Me myself I.

Dagegen wäre eine Veränderungsfähigkeit auszubilden, die sich der Vergangenheit gegenüber verantwortlich erklärt; diese als Auftrag, als Aufgegebenes versteht und damit als  Grundlage der ethischen Begründung von Handlung . Das ist Veränderungsfähigkeit, die durchaus auch das Ändern der Richtung bedeuten kann: statt nach vorn zurück zu schauen zum Beispiel.  Um einer rücksichtlosen  Gegenwart, die auf Endverbrauch gepolt ist, zu entgegnen, zum Beispiel. Vergangenheit und Zukunft zusammendenken:  Wie das geht, weiss die Kunst. Sie hat Antworten auf die Frage:  Was die Bewältigung von Vergangenheit ist, wenn sie als Auftrag und Aufgabe gelesen wird.

Als Adam Szymczyk 2014 sein Team für die documenta 14 vorstellte, verwies er auf die Gründungsidee dieser bedeutenden Kunstausstellung: 1955 herrschten soziopolitische Parameter, die die Dringlichkeit der ersten documenta begründet hatten. KULTURELLE WIEDERGUTMACHUNG stand zuoberst; Wo steht die Kunst heute – Wo stehen wir heute” fragte die Gründungsveranstaltung, nachdem die moderne Kunst jahrzehntelang als entartet oder bedeutungslos diffamiert worden war. Das Chaos der Nachkriegszeit sollte in dieser ersten grossen Weltkuntschau einen Ausdruck erhalten. Vergangeheitsbewältigung durch die Kunst und mit der Kunst gaben der Kunst ihre wesentliche Rolle zurück.

Nach Szymczyk kann das Gefühl der Dringlichkeit am Gründungsort der documenta nicht mehr pltziert werden Er sieht es an einem Ort wie Athen und begründet mit der Entscheidung, die grösste internationale Kunstausstellung in Athen und Kassel mit dem Motto «Von Athen lernen» stattfinden zu lassen einen Kunstbegriff, der sich weiter von deren Autonomieanspruch entfernt als jeder andere zuvor. Und doch eine neue marktabgewandte Seite von Kunstpraxis fokussiert, die einer je persönlichen Dringlichkeit entspringt. Lesbarkeit der Gründe, Erahnbarkeit, Schmerzhaftigkeit und Notwendigkeit des Daseins in der Welt, Kommunikationsdruck machen die in Athen und Kassel ausgestellte präsentierte Kunst aus.

Dringlichkeit/ urgency/ Verantwortung/ responsibilitiy.

Womit wir bei einer zentralen Frage des Kunstmachens im 21. Jahrhunderts sind:  Soll darf und muss die Kunst einen Beitrag zur Lösung der akuten Probleme leisten? Kann Kunst nützlich werden? Kann Kunst sich dem Funktionalisierungszwang, der neuerdings den Diskurs und die Praktiken beherrscht, entziehen?

Gibt es verantwortungsvolle Kunst.
Gibt es eine Verantwortung der Kunst.
Was ist das überhaupt “Verantwortung”.

Heute wird auch hier mit Kurzschlüssen und gutgemeinten Übereinkünften gearbeitet, die das Geleistete, das bereits Gedachte und Diskutierte ignorieren und als neu ausgeben, was bereits in der Vergangenheit als unmöglich erachtet wurde.

Was ist das, Verantwortung?

Verantwortung hat immer mit der Frage zu tun, “Wem antworten?”  Der gesamte Verantwortungsdiskurs entstammt wie so vieles andere der Religion und dem Recht. Verantworten heisst zur Verantwortung gezogen werden von einer Instanz, die richtet.
Und Antworten auf eine Anklage, die von einer Autorität vorgetragen wird.

In der Religion ist diese Autorität unsichtbar und gar noch gänzlich dem Phantasma  einer richtungsgebenden, autoritären, Glaubenssätzen entspringenden Gesetzeskraft zugewiesen.

Wenn das die grundlegende Bedeutung von Verantwortung ist,  könnte man sagen: Verantwortung ist ein Antwort-Geben auf gestellte und nicht gestellte Fragen im Rahmen einer grundsätzlichen Unsicherheitskonstellation. Und damit in einer säkularisierten Zeit wie unserer wiederum dem sich verantwortenden Subjekt überlassen: was geantwortet wird,  kann nur den eigenen Massstäben entsprechen. Und den eigenen Erfahrungen. Dies könnte mit den Fragen sich verbinden:

Kann ich dies und das verantworten? Vor wem? Vor mir? Vor der Gemeinschaft? Vor der Geschichte?

Das grosse ÜberIch, das im Verantwortungsdiskurs vorausgesetzt ist, ist das Ethos der Verpflichtung. Und das ist auch schon Alles, was für Euch auf dem Spiel steht.

Wem oder was soll sich die Kunst verpflichten? Wemoder was  verpflichtet ihr Euch? Ist die Kunst als sich – verpflichtende noch Kunst oder wird sie, wenn sie sich der Politik verpflichtet, zu einem Anhängsel der Politik? Gibt es überhaupt eine ethische Gebundenheit der Kunst?

Oder ist und bleibt die Kunst ihrem Autonomieanspruch verpflichtet, der immer wieder neu formuliert und eingefordert wurde.

Der Kunsthistoriker Tom Holert hat die hiermit verbundene gegenwärtige Schräglage anlässlich einer Tagung zum Thema Phantasma und Politik in Berlin folgendermassen so beschrieben<:

Um den Erwartungen gerecht zu werden, die sich mit der Diagnose (beziehungsweie dem Gefühl) der Dringlichkeit verknüpfen, begeben sich die Künste der Gegenwart bei dem Versuch, tatsächlich zeitgenössisch zu sein, immer häufiger und immer selbstverständlicher auf die Gebiete der politischen Aktion, der journalistischen Recherche, der humanitären Intervention, der Sozialarbeit, der didaktischen Veranstaltung. Künstlerische Formen werden in diesem Zusammenhang danach beurteilt (und das heisst auch: kuratiert, gefördert, institutionalisiert), in welchem Umfang sie etwas zur Lösung so genannter Probleme beizutragen haben. Man spricht, ganz ohne Zynismus, von “nützlicher” Kunst, von Kunst, die ihre Aufgabe dann erfüllt, wenn sie die Gesellschaft nachweisbar zum Besseren verändert, oder sich zumindest dieser Mission verschreibt.”

Das kann in Zeiten der Not geboten sein. Befinden wir uns in Zeiten der Not? Was sind Zeiten er Not?

Kunst und  Politik sind unterschiedliche Systeme.  Ihre Kräfte verkümmern durch die vielfältigen Durchdringungen von gegenseitigen Ansprüchen und Inanspruchnahmen. Horizonte für Zukunft werden dadurch geöffnet, dass den Erfindungen von Politik und der Kunst ihr Charakter von immer zweideutigen, vorläufigen strittigen Einschnitten zurückgegeben wird.

Kunst ist unverantwortlich. Die metaethische Reflexion von Adorno (auch das Vergangenheit, die weiter zu bewältigen wäre, indem man sich mit ihr auseinandersetzt) wäre wiederaufzunehmen, damit könnte der Kunst ihre Autonomie zurückgegeben, ihre Dominanz im Stiften von Bedeutungen erhalten oder wiedergewonnen werden. Das schliesst die Fähigkeit der Kunst ein, Ungewissheit zu produzieren, Wahrnehmungsoffenheit und Zweideutigkeit, eben nicht verwertbar zu sein.

Was also ist Gegenwart? Wie werdet ihr Eure Gegenwart zu einer Zukunft machen? Das Fortschreiten aufhalten. Gegenwart schaffen. Nicht abwarten und nicht in Erinnerung erstarren.

Das Erlernen des eigenen Vermögens, unabhängig von Äusseren Bestimmungen zu bleiben. Sich immer wieder neu dem Nichtbekannten Nichtkategorisierten Nichtfassbaren auch auszusetzen.

Mut, die eigene Wahrheit zu finden.  Und davon auszugehen, dass es diese Wahrheit gibt.

Sich mit denen zusammentun, die Dringlichkeit zum Kern ihrer Suche machen.

Was ist das,  Veränderung.: Verbesserung, Wiederholung,  Andersheit. Wechsel. Tausch. Raum Zeit Takt.

“Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich lebe, die ich kenne.” Diesen berühmt gewordenen Satz formulierte Heiner Müller 1977 in einem Gespräch mit Matthias Langhoff und anderen am  Genfer See.

Ich wünsche Euch das Beste für den Umgang mit Euren Fähigkeiten, Ideen, Vorstellungen, Wünschen und Hoffnungen.

( angeregt von Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit)

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