Erwiderung auf Kühl/Laudenbach ICH WILL MICH EINBRINGEN Sueddeutsche Zeitung vom 15.06.2019

Schön, dass das Thema ‘Management’ Eingang ins Feuilleton erhält, schön auch, dass die interessante und beispiellose Paradoxie der Organisation ‘Theater’ ( hier wohl im Sinne der dem Bildungsauftrag der Kulturpolitik entsprechenden Stadt – und Staatstheater zu verstehen) in den Blick gerät. Sie beschreiben diese Paradoxie einer nahezu feudalistisch organisierten Institution, die auf der grenzenlosen Freisetzung der Energien ihrer zentralen LeistungsträgerInnen existentiell angewiesen ist. Gehen die Krieger der Könige und Königinnen jedoch gezwungenermassen in die möglicherweise tödliche Schlacht, tun das die KünstlerInnen des Theaters freiwillig. Und nur wenn die sich freiwillig dem institutionellen Zwang zur Produktion und Reproduktion unterwerfen, funktioniert dieses System. Freiwillig geschieht das tatsächlich unter dem Diktat der als dringlich empfundenen Notwendigkeit der Selbstverwirklichung. Insofern ist die von Ihnen festgestellte Analogie zum ‘New Work’ durchaus nachvollziehbar.

Dann aber gibt es völlig einzigartige und nur dies System Stadt – und Staatstheater betreffende Phänomene. Diese sind Verblendung, Magie, die Oszillation von Macht und Ohmacht.

Die Intensität des nur den SpielerInnen zugänglichen Kommunikationsvorgangs “Aufführung” ist eine Form nahezu absoluter Macht und gleichzeitiger absoluter Ohnmacht. Dem Sich-Ausagieren steht die Willkür und Undurchschaubarkeit der Besetzungs – und Einsatzentscheide entgegen. Durch die erzwungene unbewusst oder bewusst freiwllig stattfindende Unterwerfung unter die Machtprinzipien der Organisation wird ein Höchstmass an Freiheit erkauft, das letztlich die Macht der Institution unterläuft ( und gleichzeitg erhält).

Die Magie entfaltet sich im Moments des Gelingens, der Harmonie mit den vielen verschiedenen Bestandteilen des Apparats “Aufführung” als ein einzigartiger Akt der Bestätigung der Gleichzeitigkeit von Prozess und Produkt.

Das sind Macht und Ohnmacht im Funktionszusammenhang der Abläufe, die die Organisation zu gewährleisten versucht , um unbeeinflussbare Energieströme, die im Moment der Freigabe, der Veröffentlichung, der Öffnung der im Geheimen prozessierten Vorgänge zu fliessen beginnen.

Diese Magie bleibt anders und mit Anderem arbeitenden Organisationen verschlossen und den AkteurInnen in diesen ebenso. Da ist dann doch der Rest Einzigartigkeit dieser Tätigkeit ‘Darstellen’ oder ‘Performen’ im Spiel, der nicht einzuholen ist von andren Arbeitsformationen und der in der freien Theaterproduktion ebenso zu finden ist wie in der organisierten des Servicebetriebs ‘Stadttheater’.

Ich denke also, dass das role model ‘DarstellerIn’/ ‘PerformerIn’ nicht anwendbar ist für die formulierte These, dass hier die  Form eines neuen Arbeitsbegriffs zu beobachten ist ( “… um auf der Probebühne wie durch ein Brennglas die Wirkweise der in `New Work`-Unternehmen propagierten Arbeitsprinzipien zu beobachten”). Dazu sind auch die von der Struktur her unverrückbaren Hierarchien zu sehr verschiedenen und vielfältigen Verflüssigungen unterworfen, die eher einen andere  Aspekt des Theaterbetriebssystems interessant für das Thema ‘Managment’,machen. Das Theater ist die organisierte künstlerische Tätigkeit, die eine spezifische Form des Managements erfordert und hervorbringt.

Da das Produkt zwar durch Spielplan Abonnentensysteme und Ver-Öffentlichungszwang im Voraus festgelegt ist, findet es in der Regel auch seine Materialisierung in Form von Aufführungen. Dass diese Form der Materialisierung des ideellen Produktes ‘Theateraufführung’ aber überhaupt gelingt, unterliegt einer derart grossen Anzahl von Unsicherheits – und Unwahrscheinlichkeitsfaktoren, dass eine Portion (wiederum) Magie hier mitspielen muss. Diese konzentriert sich nicht in den Händen einer Hierarchiefunktion ( selbst wenn das Äusserste geschieht: die Kündigung oder Umbesetzung, der Herauswurf aus der Schaffenskette, ist das kein wirklicher Beeinflussungsfaktor, auch wenn kurzzeitig Angst als Zusatzbedingung freigesetzt wird). Angst begleitet die Schaffensphasen des Theaters in diversen Erscheinungsformen sowieso: Angst vor der Einfallslosigkeit, Angst vor dem Zuviel, Angst vor dem Zuwenig, vor dem Publikum, Angst vor der Kritik, Angst vor dem nächsten Schaffensakt, Angst vor der weiterreichenden Zukunft ( Prekariat). Die Magie liegt  in der eigenartigen Form des Zusammenwirkens von weit auseinanderliegenden  Fähigkeiten und Arbeitsformen. Die Spanne reicht von der lumpensammlerhaften Fähigkeit, besondere Gegenstände Kostüme etc auf die Bühne zu bringen bis zur intensivsten psychischen Herausforderung, sich allein vor einer unbekannten Menge von Menschen als “totales” Subjekt mit relevanten Aussagen zu produzieren. Wenn man berücksichtigt, dass auf Grund einer Idee ( mag das ein Text, ein Thema, eine Vision sein) ein Fabrikationsprozess der Realisierung einsetzt, der TechnikerInnen, ToningenieurInnen und – designerInnen, BeleuchtungsspezialistInnen, SchreinerInnen, MalerInnen, SchlosserInnen, SchneiderInnen, KostümentwerferInnen, RaumexpertInnen, RequisteurInnen, IntendantInnen, DramaturgInnen, Kommunkationsverantwortliche, Fotografinnen, AutorInnen, RegisseurInnen  SpielerInnen in Bewegung setzt, zusammenzuspielen und in relativ kurzer Zeit ein Werk zustandezubringen, dass materielle, intellektuelle und emotionelle Kräfte freisetzt und überträgt und zu einem einzigartigen Kommunikationsvorgang führt, der Begeisterung, Enttäuschung, Zorn, Ablehnung, Müdigkeit oder Freude, eine Beurteilungs – und Bewertungskette erzeugt, dann wäre ein Blick auf die managementrelevante Seite dieses Prozesses von hohem Interesse und erwartbarem Gewinn für die Nicht-Theater-Welt.

Ich denke, die Problemlage der Welt benötigt neue und andere Formen der Kooperation von Kräften, die bislang nichts miteinander zu tun hatten ( Poltitk, Umwelt, Wirtschaft, Kunst, Forschung, Wissenschaften) und in ihrer systemischen Abgrenzung ihren eigenen Diskursen verhaftet bleiben. Die Schaffung von Kommunikationswegen zwischen  verschiedenen Systemen, eine Spezialität des Theaters, wäre ein Gebot responsibler, den Dringlichkeiten der Gegenwart entsprechender Managementtätigkeiten. Die Diskussion von Wertesystemen jenseits der Geldwerte und Zählbarkeiten ( gutes Leben, gleiche Chancenverteilung, Verteilung der Reichtümer, Verbesserung des Zustands der Ozeane, Beeinflussung der Klimaentwicklung,etc.), ein weiteres Aktionsfeld für ein auf die Magie des Zusammenwirkenkönnens verschiedenster Teilbereiche setzendes neues Managementverständnisses. Dass hier auch eine neue Form von ManagerInnen gefragt ist, ist selbstredend.

14.06.2019

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