Eröffnung Schauspielschultreffen 21.6.-27.6.2009 in Zürich


Willkommen, zum zweitenmal in Zürich.

Das erste mal war 1997 : mit dem Bezug der neuen Gebäudlichkeiten hier in der Gessnerallee, nun in den Gebäudlichkeiten mit Ausblick auf ein drittes Mal? zum Einzug in neue Gebäudlichkeiten. Diese sind Bedingung sine qua non für die junge Kosntruktion, die sich Zürcher Hochschule der Künste nennt: Kunstausbildungen in grösster Nähe zueinander, den Austausch, die Interdisziplinarität ermöglichend und damit einem in der künstlerischen Praxis längst existierenden Konfrontations – und Kollaborationsbedürfnis nachkommend.
Das ist auch ein Grund, warum ich Sie hier als Direktor des Departements Darstellende Künste und Film begrüssen darf.
Wir arbeiten also – das die Botschaft – auf den nächsten Umzug in das sogenannte Toni-Areal, einem KunsthochschulCampus, hin.
Hier aber wird mit grosser Sicherheit weiter gespielt, präsentiert und der aus der Ausbildung erwachsenden Kunst ein Fenster in die Stadt hinein gewährt.

  1. Die Spieler
    Zum zwanzigsten Mal findet dieser Wettbewerb, der sich Schauspielschultreffen nennt, statt. Ich habe den Eindruck, die an den vielen unterschiedlichen Orten geleistete Arbeit für und mit dem schauspielerischen Nachwuchs, bildet mehr und mehr einen diskursiven Zusammenhang, so ging es mir jedenfalls als wir im Dezember 2008 mit Vertretern verschiedener Schulen ein Roundtable Gespräch über eben 20 Jahre Schauspielschultreffen geführt haben. Dies Gespräch ist übrigens nachzulesen in der Jubiläumsbroschuüre. Wenn die Diskussionen miteinander nicht mehr auf Abgrenzung gehen, sondern auf die präzise Beschreibung der Differenz, dann könnte der Boden fester werden für das, um was es uns ich hoffe doch allen geht.
    Wenn es eine lernende Institution geben sollte, dann wären es die Schulen, die wir hier vertreten. Was können diese Institutionen mehr brauchen als die Erfahrungen, die Träume Wünsche, Vorstellungen der jungen Leute, die sie betreten, um dort zu werden, was sie sind.
    Wir sind nicht nur dazu da, Wissen und Handwerk weiterzugeben, sondern Kraftzentren zu bilden, für die Steigerung des Schwersten, was sich ein Mensch für sein Leben vornehmen kann: Instrument und Werk zugleich zu sein. Das gibt es nur in den auf dem Leib und der
    Person des Künstlers beruhenden Künsten, die wir (unpräzis) darstellende Künste zu bezeichnen pflegen .
    Leiblichkeit ist das Thema, dem wir uns verschrieben haben. Einzigartig im Theater die leibliche Copräsenz von Spielern und Zuschauern. Deswegen sind zu einem Anlass wie diesem hier, alle die zeigen, was zu zeigen ist, da. Und die denen gezeigt wird ebenso. Das ist in anderen Künsten durchaus anders.
    Bedeutungsanalyse, Rezeptionsforschung, Wahrnehmngstheorien mögen unser berechtigtes Interesse besitzen, aber das, was im Theaterspiel geschieht, ist die Begegnung, die Begegnung zwischen dem Schauspieler und der Person, die zuschaut.
  2. Das Theater und die Welt
    Das ist der Kern, von dem aus wir das Theater als eine der radikalsten Formen der Erprobung des Sozialen bezeichnen können. Denn alles, was funktioniert, muss zwischen Schauspielern auf der Bühne und vor dem Publikum im Parkett funktionieren können. Doppelte Fügung also: Es gibt eine soziale Situation, in der das Theater sich befindet und in der die Gesellschaft Neugier und Urteilskraft mobilisiert, sich anzuschauen, anzuhören und auszuhalten, was auf der Bühne passiert. Damit wird es für unser Selbstverständnis – und damit meine ich das Selbstverständnis einer Gesellschaft, das sich auf Kommunikation aufbaut – unverzichtbar.
    Alle Fragen , die den sozialen Zusammenhang unserer Gesellschaften bestimmen, werden im Theater auf intensive Weise gestellt, und nur dort: experimentell, das Soziale überprüfend. Dirk Baecker hat das wie so oft treffend zu einem Bündel entscheidender Fragen geformt: Wie kommen soziale Beziehungen zustande? Wie überleben sie ihre Krisen? Was lässt sie zerbrechen? Wie schützt sie ihre Integrität gegen die Einflüsse aus ihrer Umwelt? Wie funktioniert sie nach Innen und nach Aussen? Wie schöpft sie Kraft aus ihrer Umgebung? Wie vermag sie, ihre Umgebung als Quelle der Erneuerung und Bestätigung zu nutzen? Wie motiviert sie zur Teilhabe? Was macht sie aus den Personen, die an ihr teilhaben? Wie gehen die Personen mit dem um, was die Beziehung aus ihnen macht? Wie strukturiert sich eine Krise? Wie erkennt die Beziehung eine problematische Entwicklung? Was tut sie, um diese anzuwenden, wenn sie sie erkennt? Wie verwandelt man eine Situation in eine andere.
    Was ist eine Veränderung?

    Spielen
    Es geht nun also hier eine Woche lang um die Disziplin, die diese komplizierten sozialen Vorgänge, praktiziert: Das Spielen.
    Kern oder Rand?
    Selbsredend Kern.
    Deshalb Wettbewerb: um sich zu verbünden, zu verbinden, denn immer wäre das Paradigma klassischer Wettbewerbe: Kräfte messen, nicht um Überlegenheit zu demonstrieren oder zu bestätigen, sondern Verbindung und Verbundenheit zu markieren.
    In Zeiten unüberschaubarer Finanzflüsse, oder ausbleibender Finanzflüsse aufgrund unüberschaubar gewordener Finanzflüsse, in Zeiten des Kredits, des Beleihens und der Schuld hat das Spielen auf den Bühnen einen immensen Wert: Es ist existent, real.
    Es wird darüber diskutiert und zu diskutieren sein, wie teuer die Ausbildungen im Bereich der darstellenden Künste sein dürfen, Ausbildung in dem Bereich also wo Instrument und Instrumentalist, Designer und Objekt identisch sind. Wie soll die Entwicklung und der Umbau des Menschen, der sein Leben dem Spielen, dem Darstellen, der Verwandlung widmet anders gehen als unter Einsatz teuerster Kräfte.
    Der Bedarf nach dieser Art Ausbildung ist immens.
    Dank an Günther Rühle, der seine Eindrücke über das Schauspielschultreffen 1997 in Zürich so zusammenfasste :
    Die Zürcher Tage waren ein Erlebnis für alle, die am Theatertreffen der Deutschsprachigen Schauspielstudenten teilnahmen. Nicht nur wegen der Herrlichkeit der Stadt. Sie sahen eine Schauspielschule, die perfekt und musterhaft eingerichtet ist und die mit ihrer vorzüglich
    arbeitenden Technik die Anforderungen der schnell wechselnden Aufführungen Abend für Abend professionell erfüllte. Die Ausrüstung dieser Schule verwies auf den Rang, den man ihr innerhalb des Bildungssystems der Schweiz zumißt.
    Daß das Theatertreffen zum ersten Mal in der Schweiz stattfinden konnte, spricht für dessen Ansehen und für die Bedeutung, die es auch innerhalb des Ausbildungssystems für die Darstellenden Künste insgesamt inzwischen erworben hat. Die Beteiligung und das Engagement dieses Landes wie seiner Sponsoren bestätigte außerdem den Zusammenhang, den das deutschsprachige Theater grenzübergreifung darstellt. Auf den Schauspielschulen der deutschsprechenden Länder sind Studenten aus den jeweiligen Nachbarländern, so wie auch später auf den Bühnen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz Schauspieler aus den jeweils anderen Nationalitäten zu finden sind.
    Dieses deutsch sprechende Theater ist oberhalb seiner jeweiligen regionalen Prägungen ein großes kulturelles und in der Welt einzigartig dastehendes System. Ohne seine Ausbildungsleistungen können weder der Film noch das Fernsehen noch die weitgefächerte Musikkultur auskommen. Den Schauspielschulen hohe Aufmerksamkeit zuzuwenden ist deshalb eine kulturelle Pflicht.

    Herr Rühle hat damit eine Art Vermächtnis formuliert: Dies möge die kommenden Tage als Ansporn und Forderung begleiten.
    4.
    Dank der Bildungs – und Finanzdirektion des Kantons Zürich, der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern, dem Kanton Bern, der Präsidialabteilung Stadt Zürich, dem Migros-Genossenschaftsbund und der Genossenschaft Migros Zürich, der Hamasil Stiftung und der Ernst Göhner Stiftung, die nicht aufhört, die jungen Künste zu unterstützen. Einen besonderen Dank gebührt der Vontobel-Stiftung, die mit der auf zehn Jahre garantierten Auslobung des »Vontobel-Preises« zur Förderung des Ensemblegedankens beiträgt, dem wichtigsten, was das Theater, egal wie gut oder schlecht es ist, zu leisten vermag.
    Dank schon jetzt den Vielen, die so viel gearbeitet haben, um dieses Meeting möglich zu machen: Alex und seine Mannschaft, Ursula Rey, Inge Volk, Marina Busse und Jean Grädel.
    Jetzt ihr Jungen aber solltet ihr aber loslegen, ablegen, starten, Euch zeigen, diese Woche ist Eure.